Unsere Geschichte

Wenn wir hier die Geschichte des Hauses erzählen, kommen wir nicht daran vorbei, auch ein wenig von der Geschichte unserer Mutter zu schreiben. Als sie nach Ibiza kam, war sie jung, für die damalige Zeit ziemlich unkonventionell, vor allem aber lebenshungrig. Oh, sie hatte bereits Enttäuschungen erlebt, aber das hat wahrscheinlich jeder, der irgendwann beschließt, sich neben seiner Heimat ein zweites Leben und Zuhause aufzubauen und nur noch zurückzukehren, wenn es unbedingt nötig war. 

Ibiza, das war Anfang der Siebzigerjahre eine ziemlich unbeachtete Insel. Die drittgrößte Insel der spanischen autonomen Region Balearen im westlichen Mittelmeer. Aber was hieß das schon? In den Geschichtsbüchern tauchte Ibiza nur am Rand auf. Okay, 1936, während des spanischen Bürgerkrieges, landeten die republikanischen Truppen aus Barcelona auf Ibiza. Eine militärisch unaufgeregte, nicht weiter erwähnenswerte Aktion, denn auf Gegenwehr stießen sie nicht. War einfach niemand da, der sich hätte wehren können. 1937 wurde das deutsche Panzerschiff „Deutschland“ vor Ibiza bombardiert und beschädigt, aber eben auch nur beschädigt. Tatsache ist: Außerhalb Spaniens interessierte sich kein Mensch für das steinige Eiland, und selbst die Regierung in Madrid hatte die Insel nicht wirklich auf der Karte. 

Und das war wahrscheinlich auch der Grund, warum Hippies aus der ganzen Welt die Insel so anziehend fanden. Woodstock war lange vorbei, auf Ibiza aber lebte die Hippie-Bewegung weiter. Die Insel galt als Friedensparadies, in dem jeder zumindest mal kurz gewesen sein wollte.  Schon die Ankunft auf der Insel wirkte auf die meisten wie „nicht von dieser Welt“. Bis Barcelona flog man „Düse“, danach ging’ per „Propeller“ weiter und nach der Landung schleppte man einen seinen Koffer selbst über das Rollfeld.

Für unsere Mutter war Ibiza immer ein Rückzugsort - und so ist es kein Wunder, dass sie den Bau ihres Hauses mit dem Bau eines jener Wachtürme begann, von dem aus die Ibizencos im 17. Jahrhundert nach Piraten Ausschau hielten, die sich auf Menschenraub festgelegt hatten. Ein Turm, von dem aus man das Meer sehen und Fremde frühzeitig erkennen konnte, daneben ein winziges Haus: Ein Wohnzimmer, drei Schlafzimmer, eine Küche, in der Mitte ein Patio, in dessen Mitte eine Kiefer wuchs, die im Sommer Schatten spendete. So fing es an … 

Und es ging weiter: Die Ibicencos hatten bereits vor Hunderten von Jahren eine sehr moderne Vorstellung von Architektur. Sie erstellten Module aus Kalk und Stein, die bei Familiennachwuchs einfach erweitert wurden. Die Dächer sind ausnahmslos flach, aber begehbar. Ein idealer Ort, um die heißen Sommernächte zu verbringen. Der Nachthimmel über Ibiza ist ein Spektakel … – und zu unseren prägendsten Kindheitserinnerungen gehören die Nächte, in denen wir auf dem Dach schlafen durften, etwas vorgelesen bekamen und anschließend auf der Suche nach Sternenbildern eingeschlafen sind. 

Es war eine aufregende Kindheit. Tatsächlich gab es, von den Calas, der Natur und dem Meer abgesehen, Mitte der 70er-Jahre auf der Insel noch nichts, was es heute gibt, noch nicht mal befestigte Straßen. Eine Schule war zwar da, aber von der ersten bis zur vierten Klasse sassen alle in einem Raum, Tisch und Stuhl musste man mitbringen. 

Wollte meine Mutter nach San José zum Einkaufen, schrieben wir sie für den Tag ab, denn die acht Kilometer lange Strecke glich einer Teststrecke für Offroader und war nicht so einfach zu befahren. Vor allem nicht, mit einem kleinen Seat 500, der auf dem mit faust- bis fussballgroßen Steinen übersäten Weg ständig aufsetze, oft genug im Sand festsass und mehr als einmal mit einem Plattfuß oder einem kaputten Stoßdämpfer liegen blieb. Ausflüge nach Ibiza-Stadt wurden erst möglich, nachdem unser Vater einen nach einer Afrika-Expedition ausrangierten, höher gelegten VW Variant mit extra-harten Stoßdämpfern spendiert hatte.  Was es gab, war viel Besuch: Musiker, Maler, Sänger, Schauspieler, Mitglieder der feinen Gesellschaft. So sterbenslangweilig die Winter, so lebendig waren Frühjahr und Sommer. 

Eine Club-Szene im heutigen Sinn gab es nicht. Aber das hieß nicht, dass nicht gefeiert wurde. Partys, Cocktailempfänge oder einfache Chillout-Sessions mit neuen Freunden. Irgendwas war immer, und alles, was man brauchte waren ein paar Getränke, ein Pool, ein paar Gitarren. Jeder brachte etwas mit, der Rest ergab sich. Kurz: Irgendwer war immer zu Besuch - und alle brauchten Platz.  

Also wurde weitergebaut: Rechteck um Rechteck. Geradezu einen „Bau-Boom“ erlebte das Haus, als meine Schwester einzog. Sie hatte damals einen einjährigen Sohn… - bekam dann aber noch drei Mädchen und zwei Söhne. Insgesamt sechs Kinder, die alle anständig untergebracht werden mussten. Und nicht jeder von ihnen verzichtete auf ein Einzelzimmer. Also wie gehabt: ein Würfel hier, ein Rechteck oben drauf..  Erwähnten wir schon, dass das Haus in weiten Teilen zweistöckig ist? Jetzt wissen Sie, warum. 

Heute steht das Haus (beinahe) leer.  Unsere Mutter starb am Neujahrsmorgen vor drei Jahren, die jüngste Tochter steht kurz vor dem Schulabschluss, alle anderen haben die Insel verlassen, um zu studieren, zu arbeiten und Familien zu gründen. Zurück bleibt ihre Mutter, unsere Schwester. Sie hat auf der Insel eine eigene Steuerkanzlei, bewohnt einen Seitenflügel des Hauses. Doch was für eine Zukunft hat ein Mensch, der allein auf über eintausend Quadratmeter Wohnfläche lebt? Wahrscheinlich wird sie eine verschrobene alte Dame, mit einem Haufen Katzen …

Das Schicksal wollen wir ihr, und möchte sie sich, doch ersparen. Und so haben wir uns schweren Herzens entschlossen, unser Elternhaus zu verkaufen.  Es war ein wundervolles Zuhause. Wir haben darin gelacht, geweint und gefeiert. Hier wurden Kinder gezeugt und groß gezogen. Wir haben gestritten, uns wieder vertragen sind erwachsen geworden. Kurz: wir haben hier gelebt – und wir suchen jemanden,  der ein Haus wie dieses, was man auf der Insel garantiert so nicht mehr findet, schätzen kann. Jemand der Platz braucht, um sich zu entfalten. Der eine große Familie und viele Freunde hat. Jemanden, der ein offenes, der Welt zugewandtes Haus führt, sich über Besuch freut und ein guter Gastgeber ist. 

Oder eine Familie, die ein Haus sucht, in dem man seine pubertierenden Kinder und ihre Freunde so unterbringen kann, dass man nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr von ihnen hört. Auch das geht hier wunderbar. Glauben Sie uns, wir haben es ausprobiert.

Ein wichtiger Nachsatz: Sie werden dieses Haus vielleicht im Angebot mehrerer Makler sehen und es läuft Ihnen vielleicht auch auf mehreren Immobilien-Portalen über den Weg. Das liegt nicht daran, dass wir verzweifelt sind, und händeringend nach jemanden suchen. Es liegt einfach daran, dass es ein ganz besonderes, nicht für jedermann passendes Haus ist. Aber kommt der Richtige, dann soll er uns auch finden. Und alles was wir tun können, um ihm zu helfen, ist, eine breite Spur zu legen.